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Alltag mit Diabetes

Auf der Flucht mit Typ-1 Diabetes

24.5.2016 von Ilka Gdanietz

Auf der Flucht mit Typ-1 Diabetes

Mohammed Z. (Name geändert) ist 31 Jahre alt und aus Syrien. Er hat seit März 2005 Typ-1 Diabetes und lebt seit einigen Monaten in einem Flüchtlingsheim in Wien. Wir trafen ihn und einen Übersetzer für ein kurzes Interview, um mehr über seine Flucht mit Typ-1 Diabetes zu erfahren.

mySugr: Wie geht es dir hier in Österreich? Und bist du mit der Therapie zufrieden?
Danke, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich vermisse zwar meine Familie und Frau, aber hier kann ich (über)leben. Die Diabetes-Therapie in Österreich ist sehr gut und nicht mit der aus meiner Heimat zu vergleichen. Ich habe einen strukturierten Ess- und Spritzplan bekommen, mit speziellen Mahlzeiten und BE-Angaben und als Insulin habe ich Novo Rapid erhalten. Das wirkt viel schneller als mein bisheriges Insulin. Ich tue mich zwar noch schwer mit dem Schätzen der Broteinheiten, sowas habe ich vorher nicht gemacht, und mein Blutzucker ist daher oft zwischen 200-280 mg/dl. Aber es läuft generell besser als in Syrien, wo ich oft über viele Tage hinweg einen Blutzucker von 400 mg/dl hatte.
mySugr: Wie sah die Flucht aus und hat dir der Diabetes die Flucht erschwert?
Zur Flucht – Gemeinsam mit meinem 3-Jährigen Sohn und meinen Schwestern sind wir von Syrien 3 Stunden lang (mein Sohn auf meinen Schultern) Richtung Türkei gelaufen.Von der Türkei aus überquerten wir in einem 6 Meter langen und mit weiteren 40 Leuten besetzen Boot das Meer Richtung Griechenland. Dort angekommen, ging es mit einem Bus nach Mazedonien und zu Fuß weiter nach Serbien. Und dann wieder zu Fuß nach Kroatien. Von der Grenze bis ins Landesinnere fuhren wir mit 2 Taxis wofür wir 600€ zahlen mussten. Viel Geld, aber man ließ uns keine andere Wahl. In Kroatien verlor ich dann kurzzeitig meinen Sohn und meine Schwestern.  Das Rote Kreuz bat ich um Unterstützung und nach ein paar Stunden fand ich sie zum Glück wohlbehalten wieder und wir gingen gemeinsam mit einer Gruppe 70 km am Stück von 16 - 02 Uhr bis nach Slowenien. Bezüglich dem Diabetes – Anfangs lief alles fast ohne Probleme. Natürlich war die viele Bewegung für den Diabetes eine ungewohnte Situation, aber das klappte alles erstaunlich gut und weitgehend ohne Probleme. Bis Serbien hatte ich ausreichend Insulin und der Diabetes war unter Kontrolle und somit auch keine besondere Belastung. Aber in Kroatien gab es weder Hilfe noch Essen, und auch kein Insulin für mich. Ich hatte wirklich Angst, dass ich sterben würde. Aber vor allem hatte ich Angst, dass mein Sohn und meine Schwestern allein sein würden, und ihnen etwas zustoßen könnte. Denn nicht alle Menschen sind so hilfreich wie hier. Gottseidank sind wir dann in Slowenien angekommen. Ich hatte zwar einen ziemlich miesen Blutzucker von 495mg/dl, aber wir bekamen Essen und ich bekam endlich auch Insulin. Jedoch hielt die Glückseligkeit nicht lange an, denn wir mussten 3 Tage auf der Straße wegen Platzmangel in den Notunterkünften schlafen. Über Spielfeld kamen wir dann schließlich nach Österreich, wo wir bis jetzt leben und endlich wieder ein Dach über dem Kopf haben.
Fluchtweg
mySugr: Wie sieht es mit der Diabetes-Behandlung aus? Wie können wir uns die in Syrien vorstellen?
Das ist schnell erklärt. Es gibt im Prinzip keine. Man bekommt sein Insulin (kein modernes Analog Insulin wie man es hier kennt) oder nur Tabletten. Und der Arzt sagt einem, dass man ab sofort keinen Zucker, Süßigkeiten und Obst essen darf. Das war’s! So sieht die Therapie für Typ-1 Diabetiker in Syrien aus.
mySugr: Wenn die Behandlung in Syrien so “bescheiden” ist, wie hoch ist dann die Lebenserwartung von Menschen mit Diabetes?
Das weiß ich nicht genau, aber ich schätze minus 100 Jahre (er grinst). Man weiß eigentlich nur, dass man mit Diabetes früher sterben wird. Es gibt nicht wirklich Aufklärung über die Krankheit.
mySugr: Wie kamst du eigentlich darauf, dass du Diabetes haben könntest?
Ich habe das selber gar nicht gemerkt. Das war mein Bruder. Er hat selbst Typ-1 Diabetes und hat gemerkt, dass ich nachts oft auf die Toilette lief. Da bei uns in der Familie Diabetes häufig auftritt, hat er 1 und 1 zusammen gezählt. Nach der Diagnose dachte ich lange Zeit, dass ich den Diabetes aufgrund meines verbotenen Alkoholkonsums bekam. Sozusagen als Strafe. Heute weiss ich natürlich, dass das nicht so ist.
mySugr: Zurück zu deiner Flucht. Hattest du Angst, dass der Diabetes dir die Flucht erschwert oder sogar nicht ermöglicht?
Ja, ich hatte große Angst. Angst dass ich es einfach nicht schaffen würde, dass der Diabetes Probleme bereiten könnte. Dass ich kein Insulin mehr haben würde und meine Familie alleine weiter muss.
mySugr: Wie würdest du deinen Diabetes beschreiben?
Diabetes? Er ist mein bester Freund. Wir kennen uns jetzt schon seit 10 Jahren und ich habe ihn akzeptiert und eine Art Freundschaft aufgebaut. Ich denke das ist ein guter Weg mit der Erkrankung umzugehen, so klappt es ganz gut mit ihm.
Übrigens: Es kommen immer noch Flüchtlinge mit Diabetes nach Österreich, die keine Messgeräte und Co besitzen. Wer gern helfen möchte und das ein oder andere Utensil in seinem Bestand übrig hat, Organisationen rufen immer wieder auf, um Diabetes-Hilfsmittel wie Blutzuckermessgeräte, Teststreifen usw. zu spenden. Einfach mal Augen und Ohren offen halten.

Ilka Gdanietz

Langzeit-Diabetikerin und Nutella-Freund. Ilka ist bei mySugr für Global Content & Customer Communication zuständig und privat unter www.mein-diabetes-blog.com zu lesen.